Die Geschichte von Lohrsdorf und Green
Lohrsdorf und Green und ihre Geschichte
Von der Ahrmündung, in der Nähe des Sinziger-Kreisels auf der B9,
fährt man über die B266 Ahr-aufwärts in das geschichtsträchtige
untere Ahrtal. Es öffnet sich ein erster, weiter Talkessel, an
dessen Anfang Bad Bodendorf liegt, und der im Westen durch die
Engstelle zwischen Ehlinger Berg und Lohrsdorfer Koppen begrenzt
wird. Der Hang im Norden des Kessels gehörte bis zur
Reblauskatastrophe, Ende des 19. Jahrshunderts, zu den besten
Weinlagen der Ahr. Im Talkessel zeichnen sich in der
Vegetationsperiode manchmal die Umrisse von Gebäuden durch Nuancen
im Farbton der aufgehenden Saat ab. Hier dürften noch Fundamente
aus der Römerzeit zu finden sein. Und auf dem Lohrsdorfer Koppen
findet der Wanderer manchmal Reste römischer Flachziegel,
Überbleibsel einer römischen Siedlung. Heute steht der
nordwestliche Teil der Berghänge des Talkessels unter Naturschutz
mit den bekannten „Lohrsdorfer-Orchideenwiesen“.
Nach der Engstelle erreicht die Straße Lohrsdorf, seit 1970
Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Allseits von Berghängen
umgeben, im Westen im Schutz des Vulkankegels Landskrone, bildet
sich hier ein Mikroklima mit 1 bis 2 Grad höherer Temperatur als im
übrigen Ahrtal. Kein Wunder, dass die deutschen Kaiser immer ein
besonderes Interesse an diesem Ort bekundeten, ihn in unmittelbarer
Reichzugehörigkeit behielten und, dass damit die Lohrsdorfer sich
weit bis ins 19. Jahrhundert „zum Reich“ zählten. Die erste
urkundliche Erwähnung findet man auf der Schenkungsurkunde Kaiser
Ludwig des Frommen, der im Jahre 828 seinem Lehrer und dem
Lebensbeschreiber Karls des Großen, Einhard, ein 150 Hektar großes
Gut an der Ahr schenkte, dass von nun an den Namen Ludovesdorf
(althd.: Hludovesthorp, also Ludwigsdorf) führte. Auch in der
Folgezeit wurde dieses gesegnete Fleckchen häufig von den deutschen
Kaisern für Geschenke zu besonderen Gelegenheiten genutzt. So
hatten die Abtei Prüm seit 893, die Klöster Lisborn und Überwasser
seit 1151 und Maria Laach seit 1161 hier Besitztümer. Mit dem Bau
der Burg Landskron im Jahr 1205 durch Philipp von Schwaben wurden
die Orte Lohrsdorf und Green dieser Reichsfeste zugeschlagen und
hatten die Versorgung der Burg zu gewährleisten. Dazu leistete die
Wassermühle in Green, die bis heute besteht, ihren besonderen
Beitrag. Die Burg bestimmte von da an das Leben in den Gemeinden
bis zu ihrer Abbruch 1682 durch den Herzog von Jülich, weil nach
dem Brand von 1677 sich immer wieder räuberische Banden in den
Ruinen festsetzten. Bis dahin wirkte sie als mächtige Festung am
Eingang zum Ahrtal und schützte die Aachen-Frankfurter-Heerstraße,
Verbindungs- und Pilgerstraße nach Aachen, die auch heute noch an
verschiedenen Stellen in der Gemarkung von Lohrsdorf zu erkennen
ist. Heute künden nur noch wenige Mauerreste von der einstigen
Größe der Reichsfeste Landskron.
Die A 61 für Kaiser und Könige führte direkt an Lohrsdof vorbei
Heimersheim und Umgebung 1808 aus dem Rheinischen Städteatlas
Viele Jahrhunderte war die "Aachen-Frankfurter Heerstraße" (AFH),
die zwischen Sinzig und der Grafschaft auch den Kreis Ahrweiler
durchquert, eine der wichtigsten mittelalterlichen Wegeverbindungen
überhaupt. Ihr Trassenverlauf ist noch deutlich erkennbar, so wie
am Königsgraben bei Kirchdaun. "Das Bodendenkmal muss unter Schutz
gestellt werden", fordert Andreas Schmickler aus Kirchdaun.
Kaiser und Könige, Pilger, Händler und auch viel normales Volk ist
über die alte AFH gezogen, die ab 1028 auch als "Krönungsstraße"
bezeichnet wurde. Die Räder der schweren Ochsenkarren und die Hufe
der Pferde haben in der Landschaft tiefe Spuren hinterlassen, die
auch heute noch an verschiedenen Stellen im Kreis Ahrweiler gut zu
sehen sind - am eindrucksvollsten sicherlich im Bereich der
"Kaiserkammer" bei Bad Bodendorf und auch am Ortsrand von
Kirchdaun. Benutzt wurde sie bis in das 19. Jahrhundert hinein. 252
Kilometer war die unbefestigte Straße lang, sie führte von
Frankfurt aus nach Aachen.
In der Stadt am Main wurden mehr als 30 Könige und Kaiser gewählt,
die dann in prächtigem Zug zur Krönung in die Stadt Karls des
Großen zogen. Und auch dieser selbst hat sie nachweislich benutzt,
schon bevor Aachen 796 geistiges Zentrum des Reiches der Karolinger
wurde. Weitere urkundlich nachgewiesene Reisende auf der AFH waren
zum Beispiel im Jahr 1028 Heinrich III. und 1066 Kaiser Heinrich
IV.; 1153 durchquerte Kaiser Friedrich I. Barbarossa mit seinem
Krönungszug den heutigen Ahrkreis und nächtigte in der Pfalz der
Barbarossastadt Sinzig. 1204 ritt Philipp von Schwaben zur
Königskrönung und legte 1206 auf dem Weg den Grundstein zur Burg
Landskron, um die Heerstraße zu sichern. 1214 reiste Friedrich II.
mit seinem ganzen Heer nach Aachen. Der Umfang eines kaiserlichen
Gefolges wird auf mehr als 1000 Personen geschätzt. Auf der
Heerstraße war damals ein Betrieb vergleichbar mit dem Verkehr auf
der A 61.
Anders als die römischen Straßen, die schnurgerade angelegt wurden,
entwickelte sich die AFH, den Bodengegebenheiten angepasst, von
allein. Sie wurde nie befestigt und grub sich deshalb besonders an
Steigungen tief in den oft sandigen Boden ein. Bis Sinzig folgte
sie im Rheintal der alten Römerstraße, bog dann nach Bodendorf ab,
stieg über 100 Meter an (am Kapellchen bei Ziersheck sind die
Spuren noch besonders deutlich zu sehen), ging vorbei am Köhlerhof
nach Kirchdaun (hier gibt es noch den "Königsgraben"), über das
"Deutsche Eck" in Richtung Eckendorf und nach Rheinbach.
An der Fritzdorfer Mühle war mit 260 Metern der höchste Punkt der
Straße erreicht. Schwer hatten die Ochsen zu ziehen, um die Karren
von Sinzig aus auf die Höhe zu bringen. Mit Pferden ging es
schneller, wie noch sichtbare Überholspuren beweisen. Wenn während
des Mittelalters die Menschen auf Reisen gingen, waren es meist
Pilgerreisen. Ziel war die Aachener Pfalzkapelle, die als
bedeutendstes Wallfahrtsziel auf deutschem Boden galt. Ab 1215
wurden dort auch die Gebeine Karls des Großen verehrt. Und alle
Pilger aus Süden und Westen reisten über die Straße. Mit dem
Aufkommen der Geldwirtschaft im Spätmittelalter bekam sie weitere
Bedeutung als Handelsweg, der mit Süddeutschland und Flandern zwei
wichtige europäische Zentren verband.
Noch bis zu Beginn der Eisenbahnzeit gegen Ende des 19.
Jahrhunderts war die Straße als Postroute bekannt und verlor erst
danach ihre Bedeutung. Auf alten Karten und auch auf Luftaufnahmen
ist wegen der veränderten Bodenfestigkeit die Trasse noch genau zu
erkennen. Es müssen Millionen von Menschen gewesen sein, die in
mehr als 1000 Jahren über die Straße zogen. Intensiver Ackerbau und
Flurbereinigung ließen die Route mehr und mehr untergehen.
An einzelnen Stellen sind Hohlwege noch erhalten und sollten nach
Ansicht von Andreas Schmickler baldmöglichst unter Denkmalschutz
gestellt werden, um weiteren Verfall oder gar Überbauung zu
verhindern. Entsprechende Anträge sind gestellt, wie Landrat Jürgen
Pföhler auf Anfrage von Wolfgang Schlagwein in der jüngsten
Kreistagssitzung bestätigte. Die Menschen aus 1000 Jahre deutscher
Geschichte zogen schließlich durch unsere Gegend und über diese
unbefestigte Straße.
Jochen Tarrach
